Dem Normalzustand den Krieg erklären!

Wir haben anlässlich der IMK in Wiesbaden ein Flugblatt geschrieben.

Dem Normalzustand den Krieg erklären!
Dem Normalzustand den Krieg erklären als pdf

„Die kybernetische Hypothese ist also eine politische Hypothese, eine neue Fabel, welche die liberale Hypothese seit dem Zweiten Weltkrieg endgültig verdrängt hat. Im Gegensatz zu jener schlägt sie vor, die biologischen, physischen und sozialen Verhaltensweisen als voll und ganz programmiert und neu programmierbar zu betrachten.“ (tiqqun)

Es lässt sich nicht leugnen, dass die Ideologie des Liberalismus jede Bedeutung verloren hat. „Ihr seid längst tot, habt nur vergessen umzufallen“, schrieben die neocommunistinnen in einem ganz anderen Zusammenhang. Das trifft auch hier zu, in diesem Fall auf die hilflosen Apologeten einer längst beerdigten Ideologie. Nach Luft schnappend beschweren sie sich über Sicherheitsstaat, innere Aufrüstung und das, was sie Demokratieabbau nennen. Es gibt keinen Demokratieabbau. Es gibt einen Demokratieumbau. Das Fortschreiten der Entwicklung der Produktionsmittel und die damit einhergehende Transformation des gesellschaftlichen Überbaus führt uns zu einer Demokratie, die direkte Demokratie mit Entscheidungsfreiheit verwechselt, die die Ökologie gegen die proletarisierten Massen des Trikont in Anschlag bringt, die wieder foltern und zensieren wird, in der Verlässlichkeit und Sicherheit an die Stelle der Freiheiten der bürgerlichen Epoche treten. Doch der Unterschied ist marginal: die hässliche Fratze des Kapitalismus legt nur ein wenig der dicken Schminke ab, unter der sie sich vor den Blicken der Kritiker_innen verbirgt.
Eine solche Gesellschaft benötigt und erzeugt die Subjekte, die zu ihr passen. Doch dazu später mehr.

„When I say ‚the police are an absolute enemy,‘ I do not mean only when their function is the authority of deadly force. Whereas anytime someone is murdered by police, we should experience this as an attack on us; the normal function of the police is far more subtle and banal, but it is also as detrimental. The sneaking suspicion that the camera on the corner somehow finds itself linked to your coworker, your school mate or your room mate and finally the trigger finger of Deejay Steel, rookie cop is not a paranoia. It’s the reality of a society saturated by police.“ (crimethinc)

„Der Notstand ist kein Rechtszustand, sondern ein Raum ohne Recht. (agamben)

In der Tat: „Im sogenannten Kampf gegen den Terror hat sich die IMK in letzter Zeit einiges einfallen lassen,“ wie es einige Genoss_innen aus Mainz und Wiesbaden formuliert haben. Und weiter: „Videoüberwachung öffentlicher Plätze und Gebäude nehmen weiter zu. Selbst in alltäglichen Bereichen wie ÖPNV und Fußballstadien kommt es zu repressiven Maßnahmen um beispielsweise das Sicherheitsrisiko Fußballfan zu reduzieren. Der exzessive Einsatz von ‚weniger-tödlichen Waffen‘ wie Pfefferspray, modernen Wasserwerfern und neuerdings Pepperballs und Teleskop-Schlagstöcken, führt immer wieder zu schweren Verletzungen bis hin zu gesundheitlichen Spätfolgen. In der Vergangenheit wurden diese Mittel schon gegen Sitzblockaden angewendet. Die automatische KFZ-Kennzeichenerfassung soll neuerdings zur lückenlosen Überwachung des Verkehrs dienen. Ohne Betroffene zu informieren ist es möglich Computer mittels der Onlinedurchsuchung auszuspionieren, was verhindert, dass diese dagegen klagen können. Wie die Vorratsdatenspeicherung trotz ’störendem‘ Bundesverfassungsgerichts eingeführt werden kann soll bei dieser IMK besprochen werden. Die Aufzählung könnte noch beliebig lange weiter geführt werden. Was dieser Kampf gegen den Terror bedeutet, erfuhren Demonstrant_innen und Anwohner_innen dieses Jahr in Dresden. Aufgrund der Blockade eines Naziaufmarsches überwachte die Polizei flächendeckend Handys und erstellte Bewegungsprofile von über 40.000 Menschen. “
Diese Liste ließe sich fortführen. Die deutsche Realität (der an diesem Punkt allerhöchstens eine Avantgarde-, aber keineswegs eine Sonderrolle unter den westlichen Demokratien zugeschrieben werden kann) funktioniert längst unter den Prämissen einer effektiven Risikominimierung und sozialen Steuerung. Was die Ruhe und Ordnung stört, muss integriert oder zerschlagen werden.

„Every day I wake up and ask myself what the worst thing is that I could possibly do to punish myself for not overthrowing capitalism.“ (politics is not a banana)

Die totale Steuerung und Verregeltheit der verwalteten Welt verunmöglicht es den Menschen, irgendeine Erfahrung zu machen. Erfahrung, damit meinen wir nicht das, wovon üblicherweise geredet wird, wenn dieser Begriff verwendet wird: „Das vorherrschende Merkmal des spektakular-metropolitanen Ethos ist der Erfahrungsschwund, von dem gerade die Bildung der Kategorie der ‚Erfahrung‘ sicherlich das beredteste Zeugnis ablegt: ‚Erfahrung‘ in jenem eingeschränkten Sinne, in dem man davon spricht, ‚Erfahrungen‘ (sexuelle, sportliche, berufliche, künstlerische, gefühlsmäßige, spielerische usw.) zu machen.“ (tiqqun)
Lediglich der warenförmige Ausfluss des Spektakels, Resultat der verregelten Formen der zweiten Natur, bildet das, was die Menschen mit konkreter Erfahrung verwechseln.
Diese Erfahrungsarmut ist es, die uns vor uns selbst erschaudern lässt, weil wir uns fremd geworden sind, wie uns die anderen fremd geworden sind und wie uns die gesellschaftliche Ordnung fremd ist. Doch sie ist auch der Keim für ein ganz anderes Ganzes. Walter Benjamin schreibt in „Erfahrung und Armut“: „Diese Erfahrungsarmut ist Armut nicht nur an privaten sondern an Menschheitserfahrungen überhaupt. Und damit eine Art von neuem Barbarentum. Barbarentum? In der Tat. Wir sagen es, um einen neuen, positiven Begriff des Barbarentums einzuführen.“ Denn dieses Erschaudern vor sich selbst und der Welt führt zu einer umfassenden Negativität: „Im Ernstfall erweist sich der vollendete ‚homo oeconomicus‘ gleichzeitig als einer, der die Wirtschaft alt aussehen läßt; und der sie in dem Maße alt aussehen läßt, wie das, was ihn jeder Substanz beraubt hat, ihn vollständig unberechenbar gemacht hat. Der Mensch ohne Inhalt hat letztlich die allergrößten Schwierigkeiten sich zurückzuhalten.“ (tiqqun)
Wir werden sehen, wie es ausgeht. In diesem Sinne:

Die Kontrolle verlieren!

Am 3.12.2011: Demo gegen die Innenministerkonferenz in Wiesbaden:
imkwiesbaden.blogsport.de

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2 Antworten zu “Dem Normalzustand den Krieg erklären!

  1. Glückwunsch noch verkorkster und komplizierter gings wohl nicht…
    Bei solchen Flyern geht es nicht darum so viele Fachtermini wie möglich dareinzupfeffern sondern sachliche Informationen und Fakten so gut es geht zugänglich für alle zu machen.
    Wenn man sowas auf Demos auch noch verteilt sollte man das,aus Rücksicht auf andere,bedenken.
    Unglücklich finde ich auch die vielen Zitate und auch noch auf Englisch…aber das ist Geschmackssache
    Was die Bilder sollen ist mir auch noch nicht so ganz einleuchtend
    In diesem Sinne
    Politics are not banana und nicht is not a banana 😉

  2. Naja, darüber lässt sich streiten. Wir hatten ja tatsächlich mehr texte, die viel mehr „mass-appeal“ hatten, etwa zur letzten imk oder zum al-quds-tag. Bei diesem jetzt ging es uns schon explizit darum, eher szenige leute anzusprechen, die auch schon ein bisschen theoretische vorbildung haben. deshalb haben wir die auch in erster linie in die demo, die -angesichts der mobilisierung ja wie erwartet- schon eher so ein szene-familien-treffen war, verteilt. Aber klar, dass das schwer zu verstehen ist, ist uns schon bewusst. Aber wir wollen ja jetzt auch nciht wirklich Leute in unsere Massenorganisation 😉 ziehen, sondern eher zum Denken anregen.
    Und Unklarheiten sind gerade dafür ja erstmal nichts schlechtes, sondern öffnen ja eventuell auch Diskurse, die dann wiederum neue Unklarheiten, aber eben auch Klarheiten hervorbringen.
    Achso, die Bilder: Alles sind Kupferstiche.
    Bild 1 ist eine Kogge. Damit spielen wir auf die Kybernetik an. Diese beschreibt ja, im sozialen Bereich, gesellschaftliche Steuerungs- und Regelungstechniken. Die Wortherkunft verweist auf das griechische κυβερνήτης, was Steuermann bedeutet, aber auch κυβέρνησις, was so in etwa Leitung oder Steuerung, aber auch Herrschaft bedeutet.
    Bild 2 ist eine Gruppe von Landsknechten. Im zweiten Abschnitt geht es grob um Polizei, Ausnahmezustand, Repression. Tatsächlich haben Landsknechte aber ja eine militärische Funktion. Insofern ließe sich das Bild vielleicht auch mit einer Militarisierung des Inneren oder etwas ähnlichem lesen.
    Bild 3 ist die Melencolia I von Albrecht Dürer. Das Bild ist ziemlich vielschichtig, insofern werde ich dem in so einem Blog-Comment wohl eher nicht gerecht. Dennoch ein paar Versuche es einzuordnen. Zunächst einmal kann das Werk als Ausdruck von Melancholie, Depression, Niedergeschlagenheit gedeutet werden. Das wiederum ist ja, wenn es unter anderem um Entfremdung und Ideologie geht ja grundsätzlich nicht ganz unpassend. Dazu kommen dann Einzelelemente wie zum Beispiel die ablaufende Sanduhr, das verschlossene Buch im Schoß der Engelin, eine Waage (Gerechtigkeit) und nicht zuletzt der gleißende Hoffnungsschimmer im Hintergrund. Diese Elemente lassen sich dann schon ganz gut mit dem letzten Abschnitt in Einklang bringen (finde ich).
    Zu guter letzt Bild 4: Dies ist eine Darstellung eines Hexensabbats. Das fanden wir in so einer positiven Wendung, kombiniert mit „Die Kontrolle verlieren“ nicht verkehrt.
    Aber letztlich sind natürlich auch andere Lesarten möglich und vor allem: erwünscht. Auch das gehört für uns zu einem theoretischen Reflexionsprozess dazu.

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